Warning: Missing argument 2 for wp_widget() in /kunden/182191_40223/webseiten/wp-includes/widgets.php on line 76
BeastyBasti – Wir Kinder vom Web 2.0 » Blog Archive » Tocotronic – Schall und Wahn

Tocotronic – Schall und Wahn

Genau eine Woche sind wir jetzt schon zusammen – die neue Tocotronic Scheibe und ich. Zeit genug um sich gegenseitig kennenzulernen. Eine ausführliche CD Kritik wollte ich eigentlich schon am ersten Tag verfassen, aber sie wissen ja wie es sich so verhällt mit der Zeitverfluggeschwindigkeit. Hiermit reiche ich den auführlichen “ersten” Eindruck zu Schall und Wahn nach.

Tocotronic Schall und WahnDieser kam nämlich vor genau einer Woche in Form einer vorbestellten Limited Special Edition in mein Haus und das pünktlich um 11.30 Uhr, am Tag der offiziellen Veröffentlichung des Albums. Zum Inhalt der Special Edition gehörten neben der CD auch eine Hand voll Aufkleber, 2 Button, 2 Poster und ein schönes Booklet. Alles ordentlich produziert und in überzeugender Qualität.
Gut gemacht Tocotronic. Wenn jetzt auch noch die Musik hällt, was die Box verspricht…
Also die CD in den Player geschoben, Füße hochgelegt und los geht es. Die nächsten 56 Minuten gehören Tocotronic.

Eure Liebe tötet mich

Beim Hören der ersten Minute von “Eure Liebe tötet mich”, musste ich stutzen und fragte mich, ob ich da tatsächlich die richtige CD eingelegt habe. Klingt da Tocotronic? Diese Melodie, ist das jetzt Kettcar, Tomte, oder… Na egal, ab 1:18 setzt eine waschechte Toco Gitarre ein und spätestes die ersten Worte von Dirk von Lowtzow machen unmissverständlich klar wer hier am Werke ist. Ein wenig düster, ein wenig schwermütig und ein intensiver Gitarrenpart gen Ende, wie man ihn lange nicht gehört hat. Dies ist genau die Art Musik, die Art Gitarrenwand, die man in deutschsprachigen Liedern bisweilen vermisst. Zurücklehnen, Gedanken kreisen und die Gitarren kreischen lassen.
Ich lausche gespannt…

Ein leiser Hauch von Terror

Hin und hergerissen ob man eher etwas über die Dramatik des Textes oder über die Musik sagen sollte, frage ich mich, wann genau Tocotronic eigentlich diesen Weg in ihren Liedern eingeschlagen haben. Zugegen, etwas schwermütig und bildgewaltig war die Band schon immer in ihren Texten und so richtig los ging es damit glaube ich auf der K.O.O.K. (1999) oder war es doch eher auf Tocotronic (2002), oder war es am Ende schon von Anfang an da? Jedenfalls sind diese Songtextzeilen wohl eher ein vertontes lyrisches Gedicht als ein klassicher Rocksong. Was dem ganzen meiner Meinung nach allerdings nicht schadet. Künstlerischen Anspruch zu haben ist ja wohl nichts schlechtes, bleibt aber nichtsdestotrotz Geschmacksache. Diese Art Tocotronic Song mag man, oder eben nicht. Skipptasten oder anhören? Anhören – keine Frage!

Die Folter endet nie

Auch wieder so ein bildgewaltiger Text. Und seit wann gibt sich Tocotronic so kämpferisch? Aber da ist es ja wieder, dieses Gefühl der tiefen und absolut ehrlichen Resignation -ohne die Hoffnung zu verlieren – welches den Lieder von Tocotronic für Gewöhnlich innewohnt.
Und übrigens, sind das da bei 02:23 Bläser? Gefällt mir!

Das Blut an meinen Händen

Streicher? Schall und Wahn wird zunehmend instrumentaler. Dieser Song zeigt deutlich die Entwicklung der Band. Wenn ich mich so zurückerinnere wie mich seinerzeit der gesunde Delitantismus auf “Digital ist besser” zum Fan dieser Band werden lies und ich mir heute die Arrangement dieses oppulenten Stück Musiks anhöre, kann ich nur sagen: “Hut ab und Respekt vor all den Stationen, die Tocotronic in ihrer Musik mitgenommen haben, um schlussendlich dort anzugelangen wo sie nun mit “Das Blut an meinen Händen” stehen.”
Zugegeben, dies ist nicht mehr die Musik die Teil einer Jugendbewegung sein möchte und es ist auch mit Sicherheit nicht mehr einfach nur Rockmusik, vielmehr handelt es sich hier um dramatisch klingenden und toll arangierten, na sagen wir mal Rock Pop In Concert.

Mach es nicht selbst!

Der Song der vor ab schon als Singleauskopplung und als Video für Furore sorgte.
Rockig, nach vorne gespielt, klares Statement das nicht ohne Augenzwinkern auskommt, ungewohnt humorvoll.
Volltreffer, Chartstürmer, Hit-Single, fantastisch, einfach Tocotronic möchte man da ausrufen.
Großartiger Song, aber hören und sehen sie einfach selbst:



Bitte oszillieren sie

Der etwas andere Song. So fröhlich hört man die Band nicht alle Tage. Fast schon albern, aber toll. Und ja, ich musste es auch nachschlagen. Keine Schande, denn somit hat Tocotronic auch gleich noch seinen Bildungsauftrag bei mir erfüllt. Oszillation = schwingen, pendeln ;-)

Schall und Wahn

Der namensgebende Song des Albums nimmt das Tempo wieder etwas zurück und ist dabei jedoch nicht weniger kraftvoll in Musik und Text als das Vorrangegangene.
Benannt ist “Schall und Wahn” angeblich nach einem Roman von William Faulkner. Der den Titel allerdings, so merkten Tocotronic an, von Shakespeare geklaut haben soll.
Sicherlich polarisieren Tocotronic mit ihren intellektuell daherkommenden Texten. Kann man halt mögen oder eben nicht.
“Schall und Wahn, ihr schreitet mir vorran. Ich bin ein Einzelton, in euerer Division.”

Im Zweifel für den Zweifel

Mein persönlicher Lieblingssong auf dieser Platte. So sehr Tocotronic wie Tocotronic nur sein kann. Eines nämlich hat diese Band seit ihrem Bestehen niemals getan – sich auf etwas festlegen lassen. Im Zweifel für den Zweifen daher eine Homage an die ureigenste Geisteshaltung die sich, genau wie seinerzeit Kapitulation, so unvergleichlich nach Tocotronic anfühlt.

Keine Meisterwerke mehr

“Die Zeit ist längst schon reif dafür” Lassen wir einfach mal so stehen, denn wenn u.A. das Rolling Stone Magzin die Scheibe zur Platte des Jahres ausruft und dazu im selben Atemzug schreibt: “Es gibt keine Ironie in den Songs von Tocotronic, sondern einen Humor, der das Säurebad des Spotts schon durchlaufen hat.”, dann stimme ich den Herren von Tocotronic vorbehaltlos zu, wenn sie singen: Keine Meisterwerke mehr!

Stürmt das Schloss

Der wohl kämpferischste Song des Albums. Das Lied beschwöhrt die Ausgesperrten, Weggesperrten, Ungewollten, Abnormalen, Ausgeflippten, Abgeschafften und fordert sie auf das Schloss zu stürmen. SDS! Stürmt das Schloss.
Ok, Ok, Tocotronic der Schlachtruf wurde vernommen. 2:49 Minuten Aufruf zur Revolution? Viva la Tocotronic.

Gesang des Tyrannen

Was soll man zu diesem Lied sagen, was Dirk von Lowtzow nicht schon selbst in diesem Lied proklamiert:

“Ich bin der Graf
Von Monte Schizo
Und ich singe
Diesen Hit so”

Gift

Das letzte Lied auf der CD. Tocotronic verabschiedet sich mit einem Song, der, wie übrigens das gesammte Album, mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Musik die sich ein letztes mal aufbäumt, zu etwas Soundgewaltigem. Oppulent, wortgewaltig und toll arangiert zeigt es noch einmal, warum diese Band, trotz allen Polarisierungen, von den Kritikern so hoch gelobt wird. Solch einen Sound und lyrischen Anspruch muss man bei den meisten deutschsprachigen, erfolgreichen Rock und Pop Bands lange suchen. Seichte Popmusik ist das ganz sicherlich nicht und auch wenn es nicht jedermanns Geschmack trifft, manches schwer verdaulich und überschwenglich dramatisch daherkommt, nicht zuletzt aus diesem Grund wird Tocotronic von den Fans so sehr geschätzt. Dieses Gift entlässt den Hörer nach 56 intensiven Minuten Tocotronic.


Wenn dieses Album sich jetzt eine Kippe anstecken würde und mich fragte:
“Und Schatz, wie war ich?”

Gewöhnungsbedürftiger als zuletzt Kapitulation. Anders, aber dennoch sehr sehr geil.
Es kommt pathetischer daher, wirkt oft kämpferischer und scheint sich mehr und mehr mit Gut und Böse auseinanderzusetzen. So kämpferisch war Tocotronic in seiner Wortwahl selten zuvor. Vom Töten, Terror, Mauern, Opfern, Folter, Blut an den Händen, dem Sturm auf das Schloss, Tyrannen und nicht zuletzt vom Gift wird da gesungen. So etwas ist für eine Band die zuvor noch den eigenen Ruin, die bewusste Verweigerung gegen den Mainstream durch Selbstaufgabe und Kapitulation als ureigenste Geisteshaltung zelebriete ein ziemlicher Schritt.
Zugegeben, drei Schritte vom Abgrund entfernt war diese Band schon immer und im Grunde ist es auch egal, aber ob und wie sich auf Schall und Wahn die Band und die Musik verändert hat, überlasse ich der Beurteilung eines Jeden einzelnen.
“Ich werde mich nie verändern, ich werd immer der selbe sein.” so sangen Tocotronic 1996 auf “Wir kommen um uns zu beschweren” Und irgendwie stimmt es auch. Trotz aller Weiterentwicklung, aller Oszillation in neue, musikalische Richtungen – Schall und Wahn bleibt sich ebenso treu wie die Band selbst.

Ach und eines noch. Auf Schall und Wahn hört man einmal mehr, das Rick McPhail eine absolute Bereicherung für die Band war und ist. Aber genug davon. Mein Finger zuckt in Richtung Playtaste. Ich will gleich noch einmal. Der Silberling beginnt von neuem zu rotieren, ich lehne mich derweil zurück und höre dieses Album ein weiteres Mal.
Schall und Wahn, ich bin euch Untertan…





Tags: , , ,

Dieser Eintrag erblickte am Freitag, Januar 29th, 2010 um 13:59 das Licht der digitalen Welt.
Kurz darauf verschwand er in einer ebenso digitalen Schublade. Abgelegt wurde er unter Musik.
Gerne können sie einen Kommentar, hinterlassen, oder den Eintrag auf ihrer Webseite verlinken. Stellen sie nur sicher, das sie ihn auch richtig gelesen und richtig verstanden haben.

Hinterlasse einen Kommentar