Als ich die Augen aufschlug, verriet der Blick auf den Wecker, das es 14.47 Uhr war.
“Komisch…” dachte ich so bei mir. “Fühlt sich irgendwie an wie mitten in der Nacht.”
Wenn man allerdings den Tag um 7.00 Uhr morgens beendet hatte und erst in den frühen Morgenstunden den Weg ins Bett fand, dann war es ja strenggenommen, in sehr subjektiver Weise, auch noch mitten in der Nacht.
Gedankenverlohren drehte ich mich in meinem Bett auf die Seite und lauschte in die Stille hinnein.
Es herschte eine angenehme Ruhe. Den Briefträger und die allmorgentlich frühaufstehenden Werktätigen hatte ich verschlafen. Die lärmenden Schulkinder saßen schon längst wieder in ihren Zimmern und spielten World of Warcraft und mir blieb noch eine kurze Zeitspanne bis der Geräuschpegel sich durch den baldig einsetzenden Feierabendverkehr wieder anheben würde.
Regungslos lag ich in meinem Bett und dachte nach:
“Tja, hier liegste nun. Die erste Hälfte des Tages mal promt verschlafen und jetzt sollste aufstehen. Jetzt um diese Uhrzeit. Lohnt sich ja eigentlich nicht mehr so richtig. Wenn’de Glück hast, wirste um sechs erst richtig wach. Frühstücken, bzw. Abendbroten, mal eben die E-Mails checken, Browsergames versorgen, das Weblog füttern, dann mal duschen, ach wenn’de dich auch noch rasieren willst und das ganze Ding mit der Körperpflege mal wieder etwas ernster betreiben willst… herjeeeee dann ist es locker acht und dann lohnt sich das ja auch nicht mehr wirklich….”
Ein wenig resigniert drehte ich mich im Bett zur Seite und nahm den Gedanken noch einmal auf:
“Man man man. Da haste ja mal schön den Tag verpennt. Aber was wäre denn gewesen wenn’de zeitiger ins Bett gefallen wärst? Beziehungsweise wenn’de früher aufgestanden wärst?
Nix oder?
Die meisten Leute ham ja in der Zwischenzeit auch nix anderes erlebt. Lohnt sich deren Tag denn?”
Ich musste etwas schmunzeln, da mir wiedereinmal auffiel, das ich in letzter Zeit immer öfters die “Andere Leute Strategie” verwendete. Andere Leute machen das soundso und genau deshalb kann man sich als Selbstargumentationsansatz tausend Gründe überlegen, warum man es entweder genauso machen sollte (schließlich haben viele andere Leute ja auch Recht damit), oder aber man überlegt sich gute Gründe warum man es eben genau nicht wie andere Leute macht (schließlich will man ja nicht allzu mainstream sein) und erklärt somit seinen eigenen individuellen, meistens ungleich komplizierteren, Weg zum einzig richtigen.
Der Punkt ist jedoch, so lange selbsargumentatorisch das Pro und Contra einer Sache abzuwegen, bis einem die Sache als ausreichend behandelt erscheint. Ausreichend behandelt, jedoch nicht erledigt, dafür hat man sich aber schon mal grundlegend damit beschäftigt, reicht auch für einen Tag, morgen will man ja auch noch was zu tun haben, in der Ruhe liegt schließlich die Kraft, gute Vorbereitung ist alles, die habe ich jetzt gut erledigt, man bin ich wieder geschafft, ok erstmal Pause machen, Käffchen oder Bier hätt ich mir jetzt redlich verdient, bei so viel Planungsarbeit, Punkt! Meistens bleibt es dann so für eine Weile, solange bis man sich erneut mit dem jeweiligen Problem auseinadersetzen muss. Funktioniert ganz gut und als ich es in diesem Augenblick bemerkte, drehte ich mich in meinem Bett schnell auf die andere Seite. Schließlich will eine Fragestellung wie die, ob sich so ein Tag eigentlich unbedingt lohnt auch ausgiebig und von allen Seiten durchdacht werden.
“Von der anderen Seite betrachtet,” so überlegte ich mir “haben die meisten Leute doch auch keine lohnenswerten Tage. Morgens unausgeschlafen aufstehen, weil abends wieder zu lange ferngesehen würde. Nicht das etwas Interessantes lief, nur Unterhaltungs TV eben, also gelohnt hatte sich das sicherlich nicht. Nach dem Aufstehen wird viel ungesundes Getrunken. Meistens Kaffee. Anregung für den Kreislauf sagt man dem Kaffe nach. Im Grunde ein Müdigkeitsrezeptoren Betrug im Körper, viel Angewohnheit, stark ritualisiert und auf die Dauer auch nicht wirklich Gesund. Lohnt sich eigentlich nicht wirklich.
Der Weg zur Arbeit dann auch nicht wirklich spannend. Jeden Tag die selbe Strecke, selten etwas aufregendes, wie z.B. Blitzer, Anhalter, Bahnverspätungen, spektakuläre Unfälle, interessante Radiosendungen oder ähnliches. Im Grunde Routiene, aber eine gute Einstimmung für den bevorstehenden Arbeitstag. Auf der Arbeit dann die altbekannten Kollegen, Arbeit, Alltag und mal abgesehen vom finaziellen Aspekt lohnt sich der tägliche Ausflug in die Arbeitswelt ja eigentlich auch nicht. Machen wir uns nichts vor, nur die Wenigsten von uns haben spannende Verhältnisse mit ihren Sekretärinnen.
Natürlich braucht man Arbeit um Geld zu verdienen, aber rein vom Unterhaltungsfaktor lohnt sich diese Arbeiterei für die meisten Leute wohl eher nicht. Zuhause mit der Frau im Bett wäre es sicherlich spannender gewesen. Gemeinsam ausschlafen, sich dann mal gegenseitig, na sie wissen schon, dann noch mal einschlafen und später von den Kindern das Frühstück ans Bett gebracht bekommen…. Tjahaaa so könnte man den Tag doch auch verbringen. Lohnen würde sich das ja eigentlich mehr.”
Gespannt wo mich dieser Gedanke noch hintragen würde kratzte ich mir den Körper an Stellen wo man sich morgens im Bett ganz gerne mal kratzt, gähnte lange und ausgiebig und dachte weiter nach…
“Ok, zugegeben, es kommt immer drauf an wie man Lohn definiert. Meistens ja als ein Entgelt, bzw. den erhaltenen Gegenwert für die Verrichtung einer Arbeit oder Tätigkeit.
Geld muss da ja nicht immer mit im Spiel sein. Für die meisten Leute ist Glück, Zufriedenheit und gute Unterhaltung im Leben eine ungleich größere Entschädigung für all diese Eintönigkeit der man sich doch leider viel zu oft ergeben muss.
Oftmals geben die meisten Leute ja sogar recht viel Geld weg, um sich Unterhaltung dafür zu kaufen.
Paradox, wenn man bedenkt, dass die meisten Leute ja wärend der Zeit, in der sie mit langweiligen Tätigkeiten Geld verdienen, welches sie später für Unterhaltung wieder ausgeben, ungleich mehr Spaß hätten haben könnten. Stattdessen verzichten sie aber auf viel Lebensqualität und Vergnügen, gehen langweiligen Tätigkeiten nach, lassen sich dafür Geld geben und kaufen sich von diesem Geld dann wieder Spaß.
Ein Kreislauf der nur einem dienen kann: der Unterhaltungsindustrie.”
Selbst erstaunt über diese Erkenntniss blickte ich an die Zimmerdecke. Um ein Haar wäre ich aufgestanden, hätte das Fenster geöffnet, mich weit hinausgelehnt und es der Welt entgegengeschriehen:
“Dieser Tag lohnt sich nicht!!! Bleibt im Bett!!! Nieder mit der Unterhaltungsindustrie!!!”
Wie gesagt um ein Haar, denn in mir trug ich das wissende Gefühl, das sich dieser spontane Aktivismus auch nicht so recht lohnen würde.
Die Frage ob sich dieser Tag für mich lohnen würde beantwortete sich für mich nur wenige Minuten später ganz von selbst.
Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht schlief ich tief und fest ein, träumte wiedereinmal davon, wie ich zusammen mit Piraten an einem sonnigen Tag das Beck’s Schiff kapern würde, um damit zu den Bacardi Inseln zu segeln…
…aber dies ist eine andere Geschichte, die sicherlich noch irgendwann erzählt werden wird!